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10.03.2003

Arbeit und Kommunikation - Soziale Kompetenz

Workshop -Dokumentation vom 24.02. – 28.02.2003 im Lidice Haus, Bremen Vegesack
Leitung:
Arbeit und Leben: Eva Reichelt, Manfred Weule
alz Bremen-Nord: Lutz Apel
Eine Kooperation von „alz“ und „Arbeit und Leben“

Die Kooperation

Das gemeinnützige alz führt seit über 15 Jahren Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaß-nahmen für arbeitslose Jugendliche und Erwachsene mit dem Ziel der Integration in den Ar-beitsmarkt durch. Die Eingliederung in feste Arbeitsplätze erfolgt oftmals bei Betrieben, mit denen das alz seit Jahren zusammenarbeitet. Es handelt sich dabei zum überwiegenden Teil um kleine und mittlere Betriebe, die bei ihrer Personalplanung auf das Potenzial an zuverläs-sigen Mitarbeitern des alz zurückgreifen. Die TeilnehmerInnen, vom Ungelernten bis zum Facharbeiter, aus unterschiedlichsten Her-kunftsländern, arbeiten im alz i.d.R. für ein Jahr im technisch-gewerblichen Bereich in modern eingerichteten Werkstätten (Schlosserei, Zimmer- und Tischlerei sowie Malerei und Garten- und Landschaftsbau). Die Produktion von gesellschaftlich nützlichen Produkten werden in ver-schiedenen Tätigkeiten in unterschiedlichen Maßnahmen und Projekten durchgeführt, dies sind z.B. EQUAL- und Xenos-Projekte. Ein besonders hervorzuhebendes Projekt ist JobRota-tion, welches seit Oktober 1998 vom alz aufgebaut und entwickelt worden ist. Heute gibt es im Rahmen von EQUAL eine JobRotationmaßnahme für MigrantInnen. Für die TeilnehmerInnen im alz ist es nach längerer Zeit der Erwerbslosigkeit besonders wich-tig, Berufspraxis, berufliche Weiterbildung und soziale Stabilisierung miteinander zu verknüp-fen. Diese Ziele werden in Eigenregie des alz - aber auch in unterschiedlichsten Kooperatio-nen - tagtäglich umgesetzt.
Seit längerer Zeit kristallisiert sich heraus, dass es nicht ausreicht, die TeilnehmerInnen aus-schließlich in den „harten Qualifikationen“ für die notwendigen handwerklichen Fähigkeiten fit zumachen, sondern für die Integration in den ersten Arbeitsmarkt werden insbesondere die sog. Soft skills, also die sozialen Kompetenzen, immer wichtiger. Die TeilnehmerInnen müs-sen sich den neuen Anforderungen im Betrieb stellen. Ein weiterer Punkt ist, dass aufgrund der internationalen, multikulturellen Zusammensetzung und unterschiedlichen individuellen Biographien der TeilnehmerInnen es im alz zu Spannungen und Konflikten untereinander, a-ber auch mit den AnleiterInnen des alz, kommt. Es zeigt sich, dass Spannungen und Konflikte individuell ganz unterschiedlich wahrgenommen werden und die Lösungen oftmals nur zwi-schen „schwarz oder weiß – „Flucht oder Angriff“ liegen, eine gehörige Portion Selbstbewusst-sein und Toleranz aber fehlen. So entstand vor ca. 1,5 Jahren in Kooperation von alz und ARBEIT und LEBEN Bremen die Idee, im Rahmen der politisch –kulturellen Weiterbildung ein Pilot-seminar „Arbeit und Kommunikation - Soziale Kompetenz“ durch zu führen.

Das Seminar Arbeit und Kommunikation

Ob neue Arbeitsformen, Arbeitszeiten oder Produktionsabläufe, der Einsatz neuer Technik oder personelle Veränderungen, mit den Änderungen verändern sich auch die Kommunikati-ons- und Verständigungsprozesse im Betrieb. Sie stellen Mann und Frau vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Gefordert sind mehr Flexibilität, Kooperationsbereitschaft, soziale Kompetenz und nicht zuletzt Verantwortung.

In diesem Seminar wollten wir uns mit den neuen Anforderungen, ihren betriebs – und ar-beitsmarktpolitischen Hintergründen auseinander setzen. Darüber hinaus hatten wir konkrete Anforderungsprofile z. B. zur Frage der sozialen Kompetenz, Kooperation und Kommunikation erstellt und erprobt und deren betriebliche Umsetzbarkeit überprüft. Das Seminar fand vom 24.02. – 28.02.2003 im Lidice Haus in Bremen Vegesack unter Leitung von Eva Reichelt und Manfred Weule statt. Bericht zum Seminar

Zu den Teilnehmern

Die Seminargruppe besteht aus 15 Männern aus neun verschiedenen Nationen im Alter von 30 bis 47 Jahren. Sieben Teilnehmer sind Deutsche, zwei von ihnen sind in der DDR aufge-wachsen. Acht Teilnehmer stammen aus Bulgarien, Kasachstan, Iran ,Türkei, Vietnam, Russland, Kro-atien und dem Kosovo. Alle leben seit mindestens zwei Jahren in Deutschland bzw. Bremen. Drei der migrierten Teilnehmer sind Kriegsflüchtlinge, einer von ihnen war Opfer von Verfol-gung und Folter.
Die Mehrzahl der Teilnehmer ist verheiratet und hat 2-3 Kinder. Nur der türkische und drei deutsche Teilnehmer sind ledig und ohne Kinder. Die Teilnehmer aus Bulgarien und Kroatien leben getrennt von ihren Familien.

Ihre Ausbildung Zwölf Teilnehmer haben eine Ausbildung - überwiegend im Metallhandwerk - abgeschlossen. Drei Teilnehmer hatten ihre Ausbildung abgebrochen. Ihre Gründe waren: falsche Berufswahl, Gewalterfahrungen im Ausbildungsbetrieb und Motivationsmangel. Fünf der Männer haben ei-ne Weiterbildung / Qualifizierung auf Basis der Erstausbildung absolviert, sieben von ihnen ei-ne Umschulung mit Erfolg abgeschlossen (z.B. vom Tischler zum Kfz- Mechaniker).

Ihre Arbeitserfahrungen Vier Teilnehmer waren zeitweise selbstständig ( u.a. einer als Tontechniker). Zwei hatten kurz-fristig in ihren gelernten Berufen gearbeitet, sieben als Hilfskräfte, nah an ihren erlernten Beru-fen. Vier Teilnehmer haben längere Zeit in industriellen Bereichen arbeitsplatzabhängig gear-beitet, sieben als Angelernte, z.B. der Tischler als Maurer und der Schlosser als Lackierer.

Was sie verbindet ist trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Erfahrungen und kulturellen Lebensmuster die Angst vor Verlusten von beruflichen und z.T. familiären Bindungen. Dazu gehört die Furcht der Entwer-tung ihrer erworbenen Qualifikationen und Fähigkeiten sowie die Sorge um einen sicheren Erwerbsarbeitsplatz und damit verbunden die Sorge um und nach Familie, materielle Sicher-heit und soziale Anerkennung. Was sie verbindet ist zusammengefasst die Sorge, keinen an-gemessenen Platz in dieser Welt zu finden. Alle sind nirgendwo angekommen!

Was sie trennt ist eine bestimmte Art von Oberflächlichkeit und Gruppenkonformität. „Gruppen, so der Sozio-loge Richard Sennett, „neigen dazu zusammenzuhalten, indem sie sich auf die Oberfläche beschränken; geteilte Oberflächlichkeit hält Leute durch Vermeidung schwieriger, umstrittener und persönlicher Fragen zusammen“. Dies aber ist die aktuell popularisierte Auffassung und das gewünschte Verständnis von Teamwork bzw. Gruppenarbeit in der Arbeitswelt. Diese er-worbenen „sozialen Techniken“ sind aber nicht gleichzusetzen mit unserem Verständnis von sozialer Kompetenz. Denn es ist eindeutig – und der betriebliche Alltag zeigt es –: sobald die Verunsicherungen spürbar werden, greifen die erworbenen Techniken in der Regel nicht mehr, die Konflikte werden unter Umständen massiv.

Zu den Lernzielen und Themen des Seminars
Die Frage war, wie die Teilnehmer ein Verständnis für sich und die anderen entwi-ckeln können, das es ermöglicht, konstruktiv miteinander umzugehen. Soziale Kom-petenz, verstanden als Verfügbarkeit und angemessene Anwendung geistiger, emoti-onaler und habitueller Fähigkeiten zur Gestaltung sozialer Situationen, die für alle Beteiligten ein mittel- und langfristig positives Ergebnis hat, kann nur auf Grundlage die-ser Einsichten erworben und ausgebaut werden.

Worüber wir mit ihnen gearbeitet haben, waren Grundlagen der Selbst – und Fremdwahrneh-mung und Fragen zum Kommunikationsverständnis, d.h. wie entsteht bzw. was ist Kommuni-kation. Den roten Faden im Lernprozess bildete die Frage: Was heißt soziales und solidarisches Handeln im Betrieb und wie lassen sich heute langfristige Ziele verfolgen unter Bedingungen einer auf kurzfristigen Erfolg ausgerichteten Ökonomie?

Zur Erkenntnis kommt, was begriffen wird – die Reflexion des eigenen Verhaltens setzt vor allem dann ein, wenn ein Widerspruch zwischen idealisiertem und tatsächlichem Verhalten er-lebt und dies thematisiert wird.
Im Gespräch (Plenum) über Kooperation und Teamarbeit wurde betont, dass Kooperation wichtig und unerlässlich für funktionierende Arbeitsprozesse sei und dass sich jeder Teilneher auch kooperativ verhalten könne. Um das tatsächliche Kooperationsverhalten herauszufinden und zu erleben, wurde eine Übung in Arbeitsgruppen durchgeführt.
Die Teilnehmer merkten bei dieser Übung sehr schnell, dass sie ihre Vorstellungen des eige-nen Kooperationsverhaltens sehr überschätzt hatten. Sie waren erstaunt über die Erkenntnis des eigenen Widerspruchs zwischen vernünftigem „angesagtem“ und tatsächlich gezeigtem Verhalten aufgrund ihrer unbewussten Motivationen. Exakt dieses Erleben des Widerspruchs sensibilisierte die Gruppe für die Mechanismen menschlichen Verhaltens, auch für Botschaf-ten unter der Oberfläche scheinbar rationalen Verhaltens im Betrieb.
Unter dieser Oberfläche – wie unter der Spitze des Eisbergs – steckt die weitaus größere Masse, bestehend aus Erfahrungen, Wünschen, Werten, Ängsten, Abneigungen und Vorlie-ben, die mitbestimmen. In Stress- oder Wettbewerbssituationen überlagert diese unbewusste emotionale Ebene die Sachebene bzw. verdrängt sie. In Form von Rollenspielen und Kommu-nikationsexperimenten wurde in Arbeitsgruppen das „Eisbergmodell“ für die Teilnehmer er-probt und analysiert. Die Auswertungsdiskussion schuf dabei den Übergang zum Thema Kommunikation und Konflikte im Betrieb.
Konflikte entstehen in der Regel durch die unterschiedliche Wahrnehmung und Interpretation von Informationen. Den Teilnehmern wurde bewusst, wie Menschen, die dieselben Informati-onen haben, diese unterschiedlich wahrnehmen und verarbeiten. Wahrnehmung erfolgt nach individuellem Muster bzw. sind individuell ausgeprägt durch Erfahrungen. Das ist ein selbst-verständlicher Vorgang, der im Alltag aber selten so aufgenommen und ins Verhalten integ-riert wird.
Vor allem vor diesem Hintergrund war es spannend, in die Analyse von Kommunikationspro-zessen einzusteigen. Ausgehend von einer Alltagssituation, die jedem geläufig war, wurde herausgefunden, dass Kommunikation grundsätzlich bedeutet, sich zueinander zu verhalten – und zwar aufgrund ge-sendeter und empfangener Botschaften. Um das eigene und das Verhalten eines anderen besser verstehen zu können wurde gemeinsam analysiert, wie viele Ebenen eine Botschaft

beinhaltet. Neben dem reinen Sachinhalt wirken immer auch eine Appellebene, eine Bezie-hungsebene und eine Ebene der Selbstoffenbarung. Diese Wirkungsebenen sind uns im All-tag selten bewusst. Es ist uns nicht bewusst, auf welcher bevorzugten Ebene wir Botschaften senden und mit welchem „Ohr“, d. h. auf welcher Ebene, wir empfangen. Aber genau diese Erkenntnis ist bedeutsam, da Konflikte dann entstehen, wenn die gesendete Botschaft beim Empfänger auf einer ganz anderen Ebene ankommt und wirkt als vom Sender beabsichtigt.

Die Steigerung der Selbstwahrnehmung führte auch von Beginn an zu einer differenzierteren Fremdwahrnehmung. Kommentare wie: „stimmt, ich kann ja in den Kopf des anderen gar nicht reinsehen“ oder „ich höre genauer hin und überlege mir mehr, wie ich etwas sage“, zeigen, wie wichtig es ist, sich das eigene Verhalten in einem geschützten Raum bewusst zu machen und zu reflektieren. „Hier hat trotz aller Differenzen“, so lautet der einstimmige Kommentar der Gruppe „soziales und gemeinsames Handeln einen Ursprung“.

Ausblick
Das Seminar „Arbeit und Kommunikation – soziale Kompetenz“ war für alle Beteiligten ei-ne wertvolle Erfahrung. Einigkeit bestand darin, dass ein Seminar, das die soziale Kompetenz zum Schwerpunkt macht, in der heutigen Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es hat sich gezeigt, dass das Curriculum für eine so heterogen zusammengesetzte Gruppe sehr flexibel eingesetzt werden muss. Das gilt sowohl für die Methodenwahl als auch für die Planung der zeitlichen Abläufe, für die viel freier Raum eingeplant werden muss.

Das Seminar sollte noch mehr darauf ausgerichtet sein, die Handlungskompetenz zu stärken, die Entwicklung der persönlichen Fähigkeiten zu unterstützen und die eigene Zukunft in die eigenen Hände zunehmen. So könnte die soziale Eingliederung selbständig vorangetrieben und in eine Gesamtstrategie zum „Empowerment“ eingebunden werden.
Quelle: alz

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