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01.08.2001

Perpetuum mobile für Beschäftigung

Jobrotation soll in Deutschland zu einem Regelinstrument der Arbeitsförderung werden. Ist das aus Skandinavien importierte Modell ein beschäftigungspolitischer Tausendsassa?

Ein Blick auf konkrete Erfahrungen in der Bundesrepublik und in Dänemark. Beeindruckend. Diese Saltos am Trapez, diese eleganten Übergänge. Wer hätte das in einem Ministerium für Arbeit und Soziales, Qualifikation und Technologie erwartet? Aber so sind sie nun mal, die in Nordrhein-Westfalen. Die steigen auf ihrer Homepage sogar in größte Höhen, um auch visuell rüberzubringen, worum es ihnen auf dem Boden geht: um das reibungslose Zusammenspiel von vor allem drei Akteuren, die einander bedingen, um mit immer neuem Schwung neue Drehungen vollbringen zu können, Rotationen.

Nichts anderes passiert bei Jobrotation. Die Akteure sind Betriebe, Beschäftigte und Arbeitslose. Das Aktionsfeld ist die Weiterbildung. Gehen Frauen und Männer aus einem Unternehmen in eine Schulung, kommen für diese Zeit Arbeitslose als Stellvertreter. Eine banale Grundidee mit weitreichenden Folgen: Die kontinuierliche Qualifizierung der Belegschaft wird ohne Störungen des Betriebsablaufs möglich und gewinnt ebenso an Fahrt, wie die Beschäftigungschancen der Arbeitslosen. Der Betrieb stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit durch top ausgebildetes Personal. Und lernt neue Leute kennen, nach denen er eventuell schon lange vergebens suchte.

Zusammen mit Berlin gehört Nordrhein-Westfalen zu den Stadtstaaten bzw. Bundesländern, die mit dem Instrument Jobrotation am intensivsten hantieren. Zwischen 1996 und Ende 2000 wurden Modellversuche in 280 Betrieben zwischen Ruhrgebiet und Münsterland durchgeführt. Eines der Ergebnisse: 57 Prozent der als Stellvertreter eingesetzten Arbeitslosen - fast die Hälfte von ihnen war bereits länger als ein Jahr arbeitslos hatten am Ende einen festen Arbeitsvertrag in der Tasche.


Nach zwölf Wochen fest angestellt
Türen in neue berufliche Dimensionen öffnete Jobrotation auch für Karin Wacker-Lohmann. Nach vier Jahren Erziehungspause, einer Umschulung zur Mediendesignerin in einem Berufsrückkehrerinnen-Programm, 40 Bewerbungen und einigen Monaten Arbeitslosigkeit war die gelernte Zahntechnikerin und zweifache Mutter dank Rotation "drin im realen Arbeitsleben". Erhielt die Chance, bei dem Mediendienstleister sks.Medien Gmbh in Bielefeld an ihre Weiterbildung anzuknüpfen, sich in der Praxis zu qualifizieren. "Ich konnte aus dein Potenzial professioneller Fachkräfte schöpfen." Als der Kollege, für den sie die Stellung gehalten hatte, nach zwölf Wochen von seiner Schulung zurückkarn, wurde Karin Wacker-Lohmann in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

Jobrotation gehört bei der sks.Medien GrobH inzwischen zur Normalität. Seit 1.999 hat die im Medien- und Druckbereich agierende Firma mit knapp 20 Beschäftigten drei Projekte durchgeführt. "Der Qualifikationsbedarf in unserer Branche ist aufgrund der technologischen Sprünge enorm", sagt Monika Kammeier, geschäftsführende Gesellschafterin. Einige der Mitarbeiter sind schon um die 50. Als Kammeier vor Jahren das Arbeitsamt fragte, was denn da in puncto Weiterbildung machbar sei, erhielt sie den Rat: die Älteren entlassen und dann umschulen. Durch Zufall hörte sie von Jobrotation. "Das war genau das, was wir brauchten." Inzwischen ist "fast die ganze Firma geschult worden", die Stellvertreter konnten übernommen werden oder waren für andere Arbeitgeber attraktiv. Denn: "Es ist schon etwas anderes, sich aus einer Beschäftigung heraus zu bewerben", weiß Karin Wacker-Lohmann. Sie hat inzwischen fest Fuß gefasst: "Stück für Stück baue ich meine Qualifikation und damit meine Chancen auf."


Aktive Arbeitsmarktpolitik in Dänemark
Dieses "drin sein im Arbeitsmarkt" hält auch Thorsten Braun für "unschlagbar", für einen der signifikanten Vorteile von Jobrotation. " Da wird niemand als Klient in einer beschützenden Werkstatt behandelt, sondern ernst genommen. " Thorsten Braun weiß, wovon er spricht. Der Diplorn-Volkswirt sitzt als Forschungsassistent am Institut Sociologisk Analyse in Arhus direkt an der Quelle. In Dänemark wurde Jobrotation bereits ab Ende der 80er Jahre erprobt und war ab 1994 ein wichtiger Teil der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Einer der Vorteile. Auch Personen mit niedrigem Qualifikationsniveati können integriert werden. Die Verrnittlungsquote auf feste Jobs nach der Rotation liegt in Dänemark bei bis zu 90 Prozent. Braun hält es für "durchaus sinnvoll", Anforderungen an Arbeitslose zu stellen. "Nicht nach dem Makel schauen, sondern nach den Ressourcen", sagt er. Seine Kurz-Einschätzung zu Jobrotation: "Qualitativ alles drin, quantitativ begrenzt."

Die Entwicklung in Dänemark bestätigt dies. Als die Arbeitslosigkeit noch bei über zwölf Prozent lag, rotierten in Spitzenzeiten bis zu 40 000 Frauen und Männer. Aktuell sind es 8 000. Das hat unter anderem mit einem leer gefegten Arbeitsinarkt zu tun. Bei einer Arbeitslosenquote um die fünf Prozent ist es schwierig geworden, geeignete Personen zu finden.

Beispiele für geglückte Rotationsverläufe gibt es in Dänemark zuhauf Ob bei Arhus Sporveje, den Nahverkehrsbetrieben in Arhus, wo Einwanderer als Stellvertreter ihren Busführerschein erwerben und nach sechs Monaten als Chauffeure übernornmen werden konnten. Oder in einem regionalen Krankenhaus. Dort gab es Jobgarantien nach der Rotation. "Viele, die gar nicht daran dachten, in einem solchen Bereich zu arbeiten, sind hängen geblieben", berichtet Thorsten Braun. "Ausgestattet mit neuen Qualifikationen."

Er warnt allerdings davor, Jobrotation überzubewerten. Es ist nicht das Instrument, sondern eines unter vielen." Trotzdem: Jobrotation ist so etwas wie ein beschäftigungspolitischer Tausendsassa. Seine Spur zieht sich quer durch alle Branchen, durch alle Qualifikations- und Hierarchieebenen. "Das taugt durchaus auch für die Führungsebenen, da gibt es keine Grenzen", meint der Forschungsassistent. Und es ist zeitlich ausbaubar, über die in Dänemark durchschnittlich sechs Monate Laufzeit hinaus.


Jobrotation ausbauen
Alles ist denkbar. Wenn nur der Ansatzpunkt stimmt. Und der sollte die Qualifizierung sein, für Beschäftigte wie Arbeitslose. Jobrotation ist wichtig, um Bildungsdynamik in den Unternehmen zu erzeugen", davon ist Reiner Siebert überzeugt. Siebert ist nicht nur Teamleiter im Berufsförderungszentrum Essen e.V., das im Auftrag der Landesregierung Nordrhein-Westfalen an den Modellversuchen beteiligt war. Siebert ist auch Vorsitzender der EU-Jobrotation International Association mit Mitgliedern aus 14 EU-Staaten. Kompetente Strippenzicher, die Rotationserfahrungen aufnehmen, auswerten und verbreiten sowie Ansprechpartner für die EU-Kommission sind.

"Das Instrument wird überall an seiner Arbeitsmarktrelevanz gemessen", sagt Siebert. "Eine breitere Wirkung allerdings ist möglich, wenn die drei großen L im Vordergrund stehen". Also lebenslanges Lernen. Siebert will die Aspekte Unternehmensentwicklung, Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplatzsicherheit und Weiterbildung stärker koppeln und durch Jobrotation zum Laufen bringen.

Warum nicht längerfristige Weiterbildungsphasen als Normalität anpeilen? Sabbaticals beispielsweise durch Jobrotation möglich machen? Mit nicht nur einer Stellvertretung arbeiten, sondern Stellvertreterketten organisieren?

Bis dato pendeln sich die Rotationszeiträume in den Modellversuchen zwischen acht Wochen und drei bis vier Monaten ein. Dass es auch länger geht, zeigen Erfahrungen beispielsweise bei Meisterschulungen oder Ausbildungen zum Betriebswirt. In zirka vier Prozent der Projekte waren da Rotationen von bis zu zwei.Jahren organisierbar.

Aber es gibt auch problematische Aspekte: "Aus Mitteln der Arbeitsverwaltung werden Dinge bezahlt, die eigentlich Sache der Unternehmen sein sollten", gibt Axel Gerntke aus der Abteilung Sozialpolitik beim Vorstand der IG Metall zu bedenken. "Aber wir torpedieren das nicht." Also das Thema Geld. Für Gerntke lauten deshalb die "eigentlichen Fragen": Wie hoch soll die Förderung derjenigen sein, was wird im Einzelnen gefördert und was ist mit den Stellvertretungen? Zurzeit gibt es in den unterschiedlichen Modellversuchen unterschiedliche Förderbedingungen. Nordrhein-Westfalen übernimmt beispielsweise die Hälfte der Qualifizierungskosten, die Stellvertretung erhält das Unternehmen zum Nulltarif. In der Regel arbeiten Arbeitslose für Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe oder Unterhaltsgeld. Die Gewerkschaften wollen diesen Zustand beenden, pochen auf die "üblichen tariflichen und betrieblichen Bedingungen", so Gerntke. Wie es aussieht, rennen sie damit offene Türen ein. Schon bald, so wollen es das Bündnis der Arbeit und die rot-grüne Regierung, soll Jobrotation zu einem Regelinstrument der Arbeitsförderung werden. Mit Lohnkostenzuschüssen von 50 bis 100 Prozent für Betriebe, die dieses Instrument anwenden.

Kein Zweifel: Jobrotation in Deutschland entwickelt einen immer festeren Tritt und ist selbst für alte Hasen zum Objekt des Interesses geworden. Zwischen Dänemark und Nordrhein-Westfalen beispielsweise stabilisiert sich gerade ein Knowhow-Transfer. Die Dänen, die Jobrotation bisher fast nur in Großunternehmen und im öffentlichen Dienst einsetzen, wollen wissen, wie das in kleinen und mittelständischen Unternehmen funktioniert. Also dort, wo die Deutschen die Experten sind.

Denkbar, dass die Achse NRW Dänemark zu einem Einfallstor für eine neue Variante von Jobrotation wird - die grenzüberschreitenden Versuche gibt es schon im Tourismus. Hotelfachkräfte aus Finnland und Italien gingen zur Qualifizierung nach England und Deutschland, die Stellvertretung wurde jeweils national geregelt. Jobrotation, die unendliche Geschichte. Und viel leichter als eine Trapeznummer.
Quelle: Mitbestimmung

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